„Wir alle machen Molotow-Cocktails“

Vor Anna Korbut für das Magazin Münchner Merkur Nr. 53


Kiew – Heute hört es sich so an, als würde Kiew mit Marschflugkörpern bombar- diert werden. Unsere Luftab- wehr arbeitet erfolgreich – ich hoffe, es besteht keine Gefahr. Ich sitze und schreibe diesen Text zum Klang der Sirenen. Ich werde nur dann in den Luftschutzkeller gehen, wenn in der Nähe was explodiert.
Ich und die Bewohner der Hauptstadt haben sich heute Morgen wegen des russischen Angriffs auf das Kernkraft- werk Saporischschja erschro- cken. Das ist das größte Atom- kraftwerk Europas, sechs Blocks lang, und nur Idioten könnten darauf schießen. Die Explosion hätte nicht nur die Ukraine und einen Teil Euro- pas, sondern auch einen Teil Russlands getroffen. Glückli- cherweise brach das Feuer nur in den Verwaltungsge- bäuden aus und konnte ge- löscht werden. Nachdem ich die Nachricht gesehen hatte, überprüfte ich trotzdem die Windrichtung und stellte fest, dass die Explosionswol- ke, wenn überhaupt, zuerst nach Russland fliegen würde. Dann ging ich wieder ins Bett. Denn nach den jüngsten Er- eignissen in Charkiw war es notwendig, sich auszuruhen.
Russland schießt erbar- mungslos mit Raketenwer- fern auf Mariupol und Char- kiw. Selbst gestern wurde die Charkiwer Verwaltung mit Kalibr-Lenkwaffen bombar- diert – das sind boden- oder bodengestützte Raketen, wie sie auch Aleppo zerschlagen haben. In Kiew arbeitet die Luftabwehr erfolgreich, aber die Sirenen ertönen immer noch häufig.

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Münchner Merkur Nr. 53



Kiew – Heute hört es sich so an, als würde Kiew mit Marschflugkörpern bombar- diert werden. Unsere Luftab- wehr arbeitet erfolgreich – ich hoffe, es besteht keine Gefahr. Ich sitze und schreibe diesen Text zum Klang der Sirenen. Ich werde nur dann in den Luftschutzkeller gehen, wenn in der Nähe was explodiert.
Ich und die Bewohner der Hauptstadt haben sich heute Morgen wegen des russischen Angriffs auf das Kernkraft- werk Saporischschja erschro- cken. Das ist das größte Atom- kraftwerk Europas, sechs Blocks lang, und nur Idioten könnten darauf schießen. Die Explosion hätte nicht nur die Ukraine und einen Teil Euro- pas, sondern auch einen Teil Russlands getroffen. Glückli- cherweise brach das Feuer nur in den Verwaltungsge- bäuden aus und konnte ge- löscht werden. Nachdem ich die Nachricht gesehen hatte, überprüfte ich trotzdem die Windrichtung und stellte fest, dass die Explosionswol- ke, wenn überhaupt, zuerst nach Russland fliegen würde. Dann ging ich wieder ins Bett. Denn nach den jüngsten Er- eignissen in Charkiw war es notwendig, sich auszuruhen.
Russland schießt erbar- mungslos mit Raketenwer- fern auf Mariupol und Char- kiw. Selbst gestern wurde die Charkiwer Verwaltung mit Kalibr-Lenkwaffen bombar- diert – das sind boden- oder bodengestützte Raketen, wie sie auch Aleppo zerschlagen haben. In Kiew arbeitet die Luftabwehr erfolgreich, aber die Sirenen ertönen immer noch häufig.

Selbst in der Hauptstadt ge- hen den Geschäften die Le- bensmittel aus, und es bilden sich Schlangen vor den Ge- schäften. Eine große Laden- kette hat bereits geschlossen. Alle verhalten sich ruhig, aber sie versuchen, die Haus- haltsvorräte aufzufüllen. Frei- willige Helfer organisieren Le- bensmittellieferungen für äl- tere Menschen und diejeni- gen, die die Läden nicht errei- chen können. Jeder versucht sein Bestes, um zu helfen.
Ich war auch in einer Bä- ckerei. Dort wartet eine Ver- käuferin darauf, dass das Brot aus jener Fabrik gebracht wird, die noch eine funktio- nierende Back-Linie hat. Ich wollte einen Kuchen kaufen, einen der dreien, die noch im Schaufenster stehen, aber die Frau riet mir davon ab. Sie lie- gen, sagte sie, dort schon seit Ende Februar, als der Krieg begann.

Ich habe die Spenden, die mich erreicht haben, gestern verwendet, um warme Klei- dung für die Kiewer Territori- alverteidigung zu kaufen. Das war ein echtes Abenteuer. Das Geld wurde mir haupt- sächlich aus den Niederlan- den geschickt. Die Militärbe-
schon lange geschlossen, weil dort alles ausverkauft ist, aber die Touristenläden sind noch offen. So konnte ich mir dort etwas Warmes zum Anziehen kaufen. Aber es gab überall nur noch sehr wenige Sa- chen, und so sammelten wir in drei verschiedenen Ge- schäften 30 Garnituren an warmer Thermo-Unterwä- sche und zehn Fleece-Jacken. Dann brachten wir die Klei- dung zu unseren Kämpfern, wobei wir auf dem Weg dort- hin mehrmals von Check- points kontrolliert wurden. Einige Teile der Stadt sind für den Verkehr gesperrt.

Ich fühle mich sicher und glücklich, wenn es mir ge- lingt, unseren Menschen zu helfen. Und ich möchte auch nicht zu Hause sitzen. Mein gestriger Fahrer hat in seinem Vorkriegsleben bei einer Eventagentur gearbeitet. Er sagte zu mir: „Mit meinem Auto helfe ich, Medikamente und andere Dinge zu trans- portieren. Ich mache auch Molotow-Cocktails. Die Pan- zer sind noch nicht ange- rückt, aber viele Leute berei- ten sich vor. Egal, ob man die- se Cocktails braucht oder nicht, es sollte ein Vorrat vor- handen sein.“

Kiew ist mobilisiert wie nie zuvor. Diejenigen, die gehen wollten, sind bereits abgereist oder auf dem Weg. Diejeni- gen, die bleiben wollten, ha- ben ihre Nische gefunden, in der sie helfen können. Journa- listen wie ich arbeiten profes- sionell, andere helfen, wo sie können. Aber alle machen Molotow-Cocktails. Ich den- ke, der Feind wird nicht nach Kiew eindringen. Aber wenn er es tut, haben wir wenigs- tens etwas, um ihn zu „bear- beiten“.

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